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Naturhüter — für Mensch und Natur

Martina Meyer

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Von Martina Meyer

Die Nachtigall auf der Brennnessel: ein Blick, den Du nicht festhalten musst

Eine Nachtigall mit rotbraunem Rücken und hellem Bauch sitzt auf einem moosbewachsenen Ast und schaut mit großem dunklem Auge zur Seite, umgeben von jungem Grün

Manche Momente werden kleiner, sobald Du sie festhalten willst. Ich hatte meine Kamera in der Hand, als eine Nachtigall sich direkt vor mich setzte und mir in die Augen schaute. Ich habe nicht abgedrückt. Bis heute bekomme ich dabei Gänsehaut.

Ein Bahndamm, der nie einen Zug sah

Dort, wo ich damals wohnte, gibt es einen Bahndamm, der „Strategischer Bahndamm“ heißt: gebaut, aber nie in Betrieb genommen. Man hat ihn sich selbst überlassen. Das Buschwerk ist dicht gewachsen, und genau das lieben Nachtigallen. Es haben sich dort sehr viele angesiedelt.

Ich war oft dort, meistens mit einem Vogelfotografen. Er wollte die Nachtigallen vor die Linse bekommen. Mir ging es um etwas anderes: Ich wollte ihnen zuhören. Jede Nachtigall singt anders, einfallsreich, mit immer neuen Wendungen.

Der Moment im Gras

Eines Tages setzte ich mich mitten auf den Weg ins Gras und hörte einfach nur zu. Nach einer Weile landete direkt vor mir eine Nachtigall auf einer Brennnessel. Vielleicht zwei Meter lagen zwischen uns. Und sie schaute mir direkt ins Gesicht.

Nachtigallen haben dunkelbraune Augen, sehr schön. Ich habe auch dunkelbraune Augen. So saßen wir da und sahen uns an, eine gefühlte Ewigkeit lang.

Die Kamera lag in meiner Hand. Aber ich wollte diesen Augenblick durch nichts zerstören. Ich war überrascht, wie sehr dieser kleine Vogel mir vertraute: Er blieb sitzen und flog nicht weg. Irgendwann schaute er nach rechts, nach links, und verschwand wieder im Gebüsch.

Was ich daraus mitgenommen habe

Dieses Vertrauen, das mir da geschenkt wurde, habe ich nie vergessen. Es hat mir etwas gezeigt, das ich seitdem mit mir trage: Ich bin für ein anderes Geschöpf keine Bedrohung. Da ist ein Miteinander.

Das gibt mir bis heute Sicherheit und Energie, zum Beispiel im Umgang mit Kindern. Wenn ein Wesen Dir vertraut, spürst Du: Ich bin wichtig, ich bin willkommen, so, wie ich bin.

Und noch etwas: Ich hätte dieses Foto machen können. Aber hätte ich die Kamera gehoben, wäre ich vom Dabeisein zum Festhalten gewechselt. Manchmal ist das Wertvollste, was Du aus einem Moment mitnimmst, das, was Du nicht auf einem Bild hast.

Was das mit Deinem Alltag zu tun hat

Vielleicht greifst Du bei etwas Schönem sofort zum Handy. Und leise läuft die Frage mit: Bin ich eigentlich wichtig, wenn ich nichts leiste und nichts festhalte?

Die Nachtigall hat mir darauf ohne Worte geantwortet. Sie wollte nichts von mir, ich nichts von ihr. Gerade deshalb konnte etwas entstehen.

Deine Mini-Übung für heute

Such Dir heute einen Ort mit etwas Grün: einen Park, einen Garten, eine Bank am Wegrand. Leg das Handy weg, in die Tasche und nicht in die Hand. Setz Dich fünf Minuten hin und höre einfach zu. Du musst nichts erreichen, nichts sehen, nichts fotografieren.

Wenn etwas zu Dir kommt, ein Vogel, ein Eichhörnchen, ein Schmetterling: bleib sitzen. Und fühl nach, wie es ist, nicht nach dem Handy zu greifen.

Häufige Fragen

Wo kann ich Nachtigallen hören? Sie lieben dichtes Gebüsch, Hecken und verwilderte Ecken, oft in der Nähe von Wasser. Zugvögel sind sie auch: Im Frühjahr kommen sie zu uns zurück, und etwa im Mai ist die Zeit ihres Gesangs. Sie singen oft auch abends und nachts, deshalb kennt man sie auch als „Nachtsänger“.

Was, wenn mir die Nachtigall nie begegnet? Es muss nicht die Nachtigall sein. Es geht darum, still zu werden und offen zu bleiben für das, was kommt. Eine Amsel am Wegrand, die nicht wegfliegt, wenn Du in Ruhe vorbeigehst, ist genauso ein kleiner Vertrauensbeweis.

Darf ich Tiere nicht fotografieren? Natürlich darfst Du. Ich mache selbst gern Fotos. Es geht um die Wahl: Manchmal ist der Moment mehr wert, wenn Du ihn nur erlebst. Frag Dich im Zweifel kurz: Will ich dabei sein oder will ich es haben?

Ist das nicht ein Zufall, dass die Nachtigall sitzen blieb? Gut möglich, dass es ein Zufall war. Aber ich habe es später öfter erlebt, auch mit anderen Tieren, die nicht geflüchtet sind, weil ich in der Nähe war. Davon erzähle ich Dir in den nächsten Teilen dieser Serie. Wenn Du still bist und Dich langsam bewegst, bist Du für Tiere keine Bedrohung. Das ist kein Zauber, sondern Respekt.

Wie es weitergeht

Das war der erste Teil meiner Nachtigall-Geschichten. In zwei Wochen erzähle ich Dir, was passierte, als ich mich mit dem Vogelfotografen zusammen ins Gras setzte. Und danach, wie meine fünfjährige Enkeltochter ein Gespräch mit einer Nachtigall führte.

Wenn Du spürst, dass Dir im Alltag das Gefühl fehlt, willkommen und sicher zu sein, dann ist das ein guter Anlass für ein Gespräch. In meinem kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam hin, etwa 30 Minuten, in Deinem Tempo.

Und für die Tage, an denen Du erst einmal Ruhe brauchst: Mein Notfallkoffer gibt Dir fünf Sofort-Hilfen an die Hand. Er ist kostenlos, und Du kannst ihn heute Abend zum ersten Mal öffnen.